Literatur



 

8. September 2010 - 19.30 Uhr

weißer als sonst

Ulrike Almut Sandig liest Lyrik und Prosa

 

war der tisch, war der stuhl, saß ein kind

in der küche und aß, war es still auf dem flur,

ging niemand herum und zählte die eigenen

schritte, das fensterkreuz weißer als sonst

gegen abend, durchschnitten den hof kleine

tiere im flug und der staub lag am glas und

ein kind war sehr still und etwas, das einfiel

im schlag, das heiß war im grund und sich

dunkelte, aufschlug, ein kind riss die augen

weit auf und konnte, es konnte nichts finden.

 

Vor Erscheinen ihrer ersten Gedichtbände, klebte Ulrike Almut Sandig mit der Literaturgruppe Augenpost Gedichte an Ampelpfosten, vernagelte Fenster und Stromkästen in Leipzig und anderswo. Der Lyrikpreis Meran 2006, der Leonce-und-Lena-Preis 2009 und andere Preise und Stipendien zeichneten Sie für ihre bemerkenswerte Lyrik aus. Mit Flamingos erscheint in diesem Jahr ihr erster Erzählband.

Ulrike Almut Sandigs Klangfarbe changiert zwischen sanfter Melancholie, gedämpfter Heiterkeit und andächtigem Staunen.

Bevor sie im Oktober als Stadtschreiberin nach Helsinki zieht, folgt sie der Einladung in die Kunst-Station Sankt Peter.

 

Moderation: Stefan Swat

Photo: Nils Kinder

 

8 Euro, ermäßigt 4 Euro

 

Flamingos stehen in Gruppen, aber jeder Einzelne ist allein. Sie halten Abstand. Sie sind wachsam. Wir finden sie hässlich. Wir finden sie schön. Sie sehen aus, als würden sie brennen, aber das ist nicht wahr. Sie sehen aus, als wären sie nicht kaputt zu machen, aber auch das ist nicht wahr. Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da. Sie stehen mitten unter uns, und sie sind schwer. Doch auf der Oberfläche der seichten Gewässer laufen sie uns davon. Und dann fliegen sie auf.