Sankt Peter






Wenn die Gemeinde nicht die Liturgie feiert, ist sie leer, die Kirche Sankt Peter. Ein Raum zum Luftholen, Durchatmen.
Keine unbequemen Kirchenbänke, die wie Wellenbrecher den Raum teilen, kein störender religiöser Zierrat. Aus dem Trubel der Stadt und der Hektik des Alltags kann man hier ankommen und sich wieder zu sich selbst kommen lassen. Sich gelassen im Weggelassenen finden. Und seinem eigenen tiefen Geheimnis nachspüren, Spuren Gottes im eigenen Leben.
Wer Sankt Peter betritt, steht auf einem Gräberfeld, hunderten von Toten, Zeugen des Glaubens an Kontinuität und Leben, bekannte und unbekannte. Der Vater von Peter Paul Rubens liegt hier auch – namenlos. Sein berühmter Sohn wurde hier getauft und lebte die ersten zwölf Jahre seines Lebens in dieser Gemeinde. Geblieben ist ein Bild. Ein Geschenk.
Sankt Peter ist heiliger Raum, heiliger, leerer Raum, modern geformt, entsprungen einer Jahrhunderte alten Tradition, Ort des Dialogs, des Sich-in-Frage-Stellens und der zuweilen unerwarteten Antwort.
Kontinuität und Vision
Die Gemeinde Sankt Peter gehört zu den ältesten Pfarreien Kölns. Erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts wird Sankt Peter als Pfarrkirche des Cäcilienstiftes genannt. Es darf aber vermutet werden, dass diese Kirche bereits seit dem Jahr 941 zum Cäcilienstift gehörte. Archäologische Grabungen brachten sechs Bauperioden zutage: zwei noch aus römischer Zeit, zwei Meter unter dem heutigen Niveau eine Kirche spätrömischen Ursprungs, eine staufische Kirche aus dem 12. Jahrhundert mit dem romanischen Westturm und eine nova capella aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.
Die heutige Kirche ist der letzte erhaltene gotische Kirchenbau in der Stadt. Er stammt aus den Jahren um 1515 bis etwa 1530, eine dreischiffige, lichte, hohe Emporenbasilika mit dreiseitigem Emporeneinbau. Die erhaltenen Renaissancefenster und ein spätgotisches Triptychon sind die bedeutendsten Kunstwerke aus alter Zeit in Sankt Peter.
Der romanische Westturm stammt aus dem Jahr 1170. Zusammen mit der benachbarten Cäcilienkirche, dem heutigen Museum Schnütgen, bildet Sankt Peter die einzig erhaltene Doppelkirchenanlage in Köln. Romanik und Gotik sind hier in eine architektonische Einheit zusammengebunden. Das Innere der Kirche wird von einem 37,5 m langen und in der Mitte 21 m breiten dreischiffigen, gewölbten Raum gebildet. Dieser prägt nicht nur auf charakteristische Weise die an drei Seiten umlaufende Empore, sondern auch die dreiteilige Apsis und das hineinflutende Licht.
Peter Paul Rubens, der seine ersten zwölf Lebensjahre im Pfarrsprengel verbrachte und dessen Vater in der Kirche beerdigt ist, malte für Sankt Peter mehr als zwei Jahre bis zu seinem Tod 1638 die Kreuzigung Petri.
Zerstörung und Neubeginn
Der Zweite Weltkrieg zerstörte die Kirche bis auf die Außenmauern und wenige Netzgewölbe in den Seitenschiffen. Die einstmals zu den größten Kölner Gemeinden zählende Pfarrei schrumpfte von 7500 vor dem Krieg auf 600 Gemeindemitglieder. Die geringen Mittel der Nachkriegszeit und der vorherrschende Zeitgeist, die Zerstörung des Bauwerks für die Nachwelt zu dokumentieren, bestimmten den Wiederaufbau in den 1950er Jahren, der die Fragmentierung und zerstörten Proportionen betonte.
Nach dem Vertragsabschluss zwischen der Erzdiözese Köln und dem Jesuitenorden am 17. Juli 1957, in dem die ständige Seelsorge in der Pfarrei Sankt Peter den Jesuiten übertragen worden ist, wurde in den darauffolgenden drei Jahren das jetzige Pfarrhaus gebaut. Am 1. September 1960 wurde Pater Alois Schuh (1900-1984) durch den Erzbischof als erster Jesuit an Sankt Peter zum Pfarrer ernannt. Mit der Mitternachtsmesse an Weihnachten 1960 wurde der ordentliche Pfarrgottesdienst in dieser Gemeinde übernommen.
Unterschiedliche Persönlichkeiten mit prägenden Profilen haben Spuren hinterlassen. Sie waren Wegweiser zu den Menschen je ihrer Zeit. Sie haben jeweils auf ihre Weise den Geist von Sankt Peter geprägt. Pater Alois Schuh und seine persönliche Ausstrahlung machten Sankt Peter in den 1960er und 70er Jahren zu einem Zentrum intellektuell sensibler und suchender Katholiken. Er konnte dem mit seiner Kirche hadernden Heinrich Böll in Sankt Peter Heimat bieten. Pater Benno Eich (+ 2001) hat in seinen Predigten fragende Menschen auf Glaubensinhalte neugierig gemacht. Seine Worte „Der Glaube kommt vom Hören. Hören Sie!“ sind vielen noch gegenwärtig. Pater Friedhelm Mennekes (*1940) schließlich ist es gelungen, weltbekannte Künstler mit ihren Kunstwerken nach Sankt Peter zu holen. 1987 gründete er die Kunst-Station Sankt Peter und begann die Arbeit mit der zeitgenössischen Kunst und der neuen Musik.
Die Baugestalt heute
1997 bis Ende 2004 musste die Kirche einer umfangreichen Sanierung unterzogen werden. Dabei wurde die Chance einer grundlegenden Neugestaltung des Innenraums genutzt. Die Qualität des Sakralen ist der Leere zu danken; den großen Kunstwerken wie der Kreuzigung Petri (1640) von Peter Paul Rubens oder der aufgebrochenen Skulptur gurutz aldare (2000) von Eduardo Chillida seine atmosphärische Aufladung.
Die Konzeption der grundlegenden Innenraumgestaltung während der Sanierung 1997 bis 2000 strebte danach, durch Farben, Formen, Materialien und Beleuchtung wieder einen ganzheitlichen harmonischen Gesamteindruck herzustellen. Dabei war der Farbton des noch vorhandenen Natursteins Ausgangspunkt für die farbliche Gestaltung, der alle raumbildenden Elemente unterzogen wurden. Im Gegensatz zu den alten Wänden, deren weiße Putzflächen im harten Kontrast zu den warmen Natursteintönen standen, nimmt der Putz der Wände den Farbton auf, bindet dadurch Pfeiler, Bögen, Gewölberippen und Emporenbrüstungen in die flächige Wirkung der Wände ein und löst sie aus ihrer isolierten Eigenständigkeit. Daher werden auch Türen und Funktionselemente so ausgeführt, dass sie nicht aus der Wand hervortreten. Der Eindruck der Einheitlichkeit bleibt auch hier gewahrt. Die neue Decke aus Holzbalken wird aus dem gleichen Grund im Farbton des Wandputzes lackiert, dadurch wird nicht nur der Raum geschlossen, sondern eine fließende Verbindung zwischen Decke und Wänden geschaffen. Zur Vervollständigung des Konzeptes wurde ein auf die Gesamtfarbigkeit abgestimmter grauer Beton als Boden eingebracht.
Die großartige Glasmalerei aus der frühen Renaissance hängt in den Apsis- und Seitenschiff-Fenstern. Sie gilt als bemerkenswerte Zeugnisse des Kölner Kunstschaffens im frühen 16. Jahrhundert. Die Beleuchtung des Raumes wurden so geplant, dass sie die Einheitlichkeit des Raumes nicht beeinträchtigen. In den Seitenschiffen wurden die Leuchten unsichtbar in die Gewölbekappen versenkt; nur im Hauptschiff sind sie als einfache plastische Elemente auf den Wänden sichtbar. Das differenzierte Beleuchtungssystem berücksichtigt die unterschiedlichen Raumnutzungen und ermöglicht, verschiedene Lichtstimmungen im Raum zu schaffen. So wurde ein Raum geschaffen, in dem sich die autonomen Bereiche Religion, Kunst und Musik nebeneinander entfalten, jedoch auch in direkter Konfrontation begegnen, infrage stellen und inspirieren können.
Der Auftrag
Der Geist von Sankt Peter ist aber nicht zu definieren vom Äußeren her. Der Geist von Sankt Peter ist seit 50 Jahren letztlich der Geist des Heiligen Ignatius von Loyola, der uns Jesuiten bei allen Unterschieden verbindet. „Den Seelen zu helfen“ war das große Anliegen dieses Ordensgründers. Und die Menschen, denen die Jesuiten verbunden und für die sie sich verantwortlich fühlen, sollten zu nichts weniger eingeladen sein als zur „Erlangung der Liebe,“ wie es am Ende des Exerzitienbuches heißt. Aber dies alles nicht unverbindlich abstrakt, sondern manchmal provozierend, ja fast abstoßend konkret in der Gemeinschaft der Gläubigen, die wir Kirche nennen.