Rubensbild

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Zahlreiche Bilder mit religiösen Szenen hat der flämische Barockmaler Peter Paul Rubens (1577-1640) im Laufe seines Lebens gemalt. Sein persönlichstes und vielleicht auch unheimlichstes malte er kurz vor seinem Tod – für Sankt Peter.

Peter Paul Rubens – ein Kind von Sankt Peter

Rubens wurde in Siegen geboren. Seine Kindheit bis 12 verbrachte er aber 1578 bis 1589 in Köln im Sprengel der Pfarrei Sankt Peter. Seine Familie wohnte in der Sternengasse unweit der Pfarrkirche, keine 500 Meter weit weg. Als sein Vater Jan 1587 starb, wurde der in der Kirche beerdigt. Wo genau, ist unbekannt.

In der Sternengasse residierte auch die wohlhabende Kaufmannsfamilie Jabach. Anfang des 17. Jahrhunderts saß deren Oberhaupt Everhard III im Stadtrat von Köln und im Kirchenvorstand von Sankt Peter. Als er 1636 starb, beschloss die Familie, zu seinem Andenken einen Altar für die Kirche zu stiften – vom damals berühmtesten Maler der Zeit, eben Peter Paul Rubens in Antwerpen. Eben dem Rubens, den sie hier als Jungen in Sankt Peter gekannt hatten, bevor er so berühmt geworden war. Dass es vier Jahre vor Rubens‘ Tod sein sollte, und damit sein letztes Geschenk an die Gemeinde – das konnte keiner ahnen.

Der Auftrag

Everhards Sohn, der später in Paris eine der größten und bedeutendsten Kunstsammlungen Europas aufbaute, trieb das Vorhaben voran. In London gewann er 1636 als Vermittler den Maler George Geldorp. Im Januar 1637 reiste der schon nach Köln und besprach mit dem Pfarrer Meshoven das Projekt des neuen Hochaltars. Zu diesem Zeitpunkt stand offenbar fest, Rubens habe diesen Auftrag angenommen. Jedenfalls schrieb der Pfarrer drei Monate später an Everhard IV nach London, der Maler dürfe sich das Motiv des Altarbilds selbst aussuchen, allein dass es sich um eine Petrusszene handeln solle, sei festgelegt. Everhard werde gewiss dafür sorgen, dass ein Motiv gewählt werde, was einst seine Frömmigkeit und seinen Schönheitssinn befriedigen werde. Die Freiheit, die Rubens damit eingeräumt wurde, war zu der damaligen Zeit äußerst bemerkenswert.

Der Plan

Im Juli 1637 teilte Rubens mit, dass er das Martyrium das Petrus, die Kreuzigung, malen wolle. Rubens schrieb später, dieses Thema locke ihn mehr als alle anderen, welche er derzeit unter den Händen habe, und er hoffe, es werde eines der besten Stücke, die er je geschaffen habe.

Das Motiv

Tatsächlich malte Rubens ein Bild, das die Kreuzesfrömmigkeit seiner Zeit mit der gegenreformatorischen Polemik auf kraftvolle Weise vereinigt. Wie nie zuvor hat er das Heilige mit dem Schrecklichen verbunden.

Kopfüber, so ist es in der Legenda Aurea zu lesen, wollte der Apostel ans Kreuz geschlagen werden. Dies geschah in der Regierungszeit des Kaisers Nero unter dem Präfekten Agrippa. Wir sehen den fast nackten Körper des Apostels Petrus, der von fünf Schergen ans Kreuz gezwängt wird. Mit qualvoller Eindringlichkeit zeigt Rubens die Nägel, mit denen Hände und Füße des Märtyrers ans Kreuz geschlagen werden. Rubens stellt den qualvollsten Moment des Geschehens dar. Zwei kraftstrotzende Gestalten stemmen das auf die Erde weisende Kreuz hoch und richten es auf. Doch noch ist Petrus nicht ans Kreuz geschlagen. Links ergreift ein dritter kräftiger Scherge seinen rechten Arm und drückt ihn auf den Querbalken. Ein vierter Schinder holt mit dem Hammer aus, um den Nagel in den Fuß zu schlagen. Ein Offizier in zeitgenössischer Uniform ist ihm dabei behilflich. Imponierend gestaltet Rubens den entblößten athletischen Körper des greisen Apostels, dessen Haut von innen zu leuchten scheint.

Die Knie sind eingeknickt, die Schergen zerren das linke Bein zur Seite. Die Haut zieht Falten, Ober- und Unterkörper krümmen sich gegeneinander. Das Licht kommt vom Himmel und lässt die Brust aufleuchten. Das von Blut gerötete Gesicht liegt halb ich Schatten. Petrus scheint den Mund zu einem Schmerzesschrei zu öffnen. Schonungsloser konnte Rubens die qualvolle Kreuzigung nicht schildern.

Doch auch den christlichen Sieg über den natürlichen Tod ist im Bild klar zu erkennen. Rechts oben am Himmel erscheint ein Engel mit dem Lorbeerkranz und der Siegespalme. Der vor diesem Bild betende Gläubige wusste, dass sich mit dem Tod des Apostels eine neue Perspektive eröffnete für alle, die den Glauben an Christus teilen, für den Petrus in den Tod ging.

Gleichzeitig gestaltete Rubens das Bild als klares Bekenntnis der Gegenreformation. Die Augen des Apostels sind nämlich nicht auf den offenen Himmel und den Engel gerichtet, sondern auf die Kleidungsstücke am rechten Bildrand unten. Die vermeintlichen Petruskleider entpuppen sich beim näheren Betrachten auf die barocke Chorkleidung des Papstes. Rubens setzt damit das Martyrium des Petrus mit dem Leid des Papstes gleich, das ihm die Reformation zugefügt hatte.

Sein letztes Bild

Am 30. Mai 1640 starb Peter Paul Rubens in Antwerpen. Ein Jahr später ließ die Familie Jabach den Erben den Betrag von 1200 Gulden zukommen. 1642 kam die „Kreuzigung Petri“ nach Sankt Peter, wo Pfarrer Meshoven inzwischen einen prachtvoll gestalteten Marmoraltar errichten ließ. Die Aufstellung des Bilds war das wichtigste Kunstereignis in Köln im 17. Jahrhundert. Es war das erste Barockgemälde, das in einem passenden Altaraufbau in eine Kölner Kirche kam. Pfarrer Meshoven ergänzte den Altar um vier weitere, darunter die „Berufung des Paulus“ von Cornelis Schut. Damit betrieb er eine entscheidende Neugestaltung des Altarraums im modernen Stil des Barock.

Das Geschenk kehrt zurück

1794 wurde das Bild auf Befehl der französischen Besatzung in den Louvre nach Paris gebracht. Erst 1815 kam es unter großer Anteilnahme der Kölner Bevölkerung zurück nach Sankt Peter. Zwei weitere Male wurde das Gemälde aus der Kirche entfernt. 1941 wurde es auf Schloss Pommersfelden bei Bamberg vor den Bombardierungen der Alliierten evakuiert und kehrte 1961 in die wieder aufgebaute Kirche zurück. 1997 wurde es zusammen mit dem Bild von Cornelis Schut für die Zeit der Renovierung von Sankt Peter in den Kölner Dom gebracht. Im März 2002 kehrten die Bilder wieder zurück, wo sie auf einer Drehwand hinter dem Kreuzaltar von Eduardo Chillida abwechselnd zu sehen waren. Seit 2004 hängt die „Kreuzigung Petri“ wieder an der Stirnwand des südlichen Seitenschiffs, wo es seit 1988 mehrere Jahre gehangen hatte.